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Subaru auf hoher See

Im schwimmenden Parkhaus um die Welt

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Jörg Schwieder
Ecke
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ca. 12 Minuten

Millionen von Pkw und andere Fahrzeuge treten jedes Jahr eine Weltreise an, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Vom Werk zum Kunden, transportiert von mächtigen „Car Carriern“, Schiffen so groß wie Parkhäuser. Der Job ist kompliziert – und auch nicht ungefährlich. Wir waren an Bord der Euphony Ace und zu Gast bei ihrem Kapitän, Sudip Dey.

Die EUPHONY ACE im Hafen von Rotterdam

Die EUPHONY ACE im Hafen von Rotterdam

Wenn das der Sommer ist, möchte ich nicht wissen, wie kalt es hier im Winter wird.“ Kapitän Sudip Dey verschränkt die Arme. Sein Blick schweift über die mächtigen Hafenanlagen von Rotterdam. In 35 Metern Höhe, neben der Brücke der Euphony Ace, einem Car Carrier, pfeift eine steife Brise. Von unten sieht das Schiff aus wie eine massiv in das Hafenbecken betonierte Immobilie, so solide und völlig unbewegt liegt es am Pier. 489 Fahrzeuge des japanischen Herstellers Subaru aus dem Werk Ota in der Provinz Gunma hat sie diesmal im Gepäck. Und einige Tausend Stück anderer Marken, kunstvoll geschichtet über elf Stockwerke aus Stahlplatten. Bis zu 5.214 Autos und andere fahrende Gerätschaften passen auf den 199,95 Meter langen und 34.063 Tonnen Wasser verdrängenden Pott. Mit 32 Metern Breite passt er gerade noch durch den Panama-Kanal. Transportiert wird im Prinzip alles, was das Schiff mit eigener Kraft berollen und im Zielhafen wieder verlassen kann – darunter auch viele Tonnen schwere Baumaschinen.

Die Euphony Ace in Zahlen



Gewicht:

Tonnen
Länge:

Meter
Breite:

Meter

Im Pendelschritt um die Welt

Die 2005 gebaute und 20.571 PS starke Euphony Ace pendelt unermüdlich über die Weltmeere, mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20 Knoten, von einem Auftrag zum nächsten. Während diese Zeilen entstehen, schaukelt sie gerade irgendwo vor der Küste Brasiliens und geht in Deckung vor einem großen Sturm. Der junge dritte Offizier Jaspreet Singh Salh hält mit uns Kontakt – immer in der Nähe von Häfen, wenn sein Handy endlich wieder Empfang hat. Das Schiff und seine Crew erledigen eine Aufgabe, die viele, die ein im Ausland gebautes Auto bestellen, vermutlich überhaupt nicht mehr zur Kenntnis nehmen. Doch weder ist der Job in den „schwimmenden Parkhäusern“ einfach, noch ist er ohne Risiken. Kapitän Dey, ein freundlicher, äußerst zuvorkommender und erfahrener Offizier indischer Abstammung, rührt in einer Tasse Tee. Wir befinden uns im „Wohnzimmer“ des Schiffs, hier gibt es gemütliche Couchmöbel, einen großen Fernseher, eine Playstation. Nebenan ein Fitnessraum – das war es dann aber mit dem Komfort. Dey wird nachdenklich, als er uns von seiner aktuellen Überfahrt aus Japan erzählt. Es ist erst sein zweiter Dienst auf der Euphony Ace, und was er gerade erlebt hat, war beängstigender als alles, was ihm in seinen 26 Jahren zur See bis dato widerfahren ist. Schuld war wieder das Wetter. Selbst große, hochseetaugliche Schiffe wie dieses, mit gewaltigem Bug und dicken Stahlwänden, nehmen jeden noch so zeitraubenden und kraftstofffressenden Umweg in Kauf, um Stürmen und schwerer See zu entgehen. „Vor den Naturgewalten sind wir auf diesem Schiff nichts“, sagt Dey.

Eine Welle trifft die Brücke

Doch kurz vor England, fast schon am Ziel der rund vierwöchigen Reise, konnte die Euphony Ace nicht mehr ausweichen. Die rund fünf Meter hohen Wellen hätte das Schiff normalerweise stoisch ertragen – allerdings kamen sie kurzzeitig aus der falschen Richtung, in einem seltsamen Rhythmus – und versetzten es so in eine gefährliche Rollbewegung. Am Ende schlug das Wasser mit einem explosionsartigen Knall an die gepanzerten Fenster der Brücke – in 35 Metern Höhe. Das Geräusch war überall auf dem Schiff zu hören. Die Crew sorgte sich um die Ladung. Sollte sich im Tiefdeck eine Baumaschine aus der Verzurrung lösen und von innen gegen die Schiffswand schlagen, wäre das das Ende. Sie würde die Stahlwand des Carriers durchbohren wie ein Küken seine Eierschale.

Brandung

35

Meter
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Am Ende schlug das Wasser mit einem explosionsartigen Knall an die gepanzerten Fenster der Brücke – in 35 Metern Höhe.

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Seefahrt ist ein Abenteuer

Ladungssicherung! Sie ist das Mantra auf der Euphony Ace. Wie mit pinkfarbenen Spinnenweben wird jeder Pkw durch Gurte mit der Bodenplatte unter ihm verzurrt. Die Strippen wirken nicht sonderlich stabil, tragen allerdings mindestens 600 Kilogramm – mit dreien von ihnen könnte man einen ausgewachsenen Subaru Forester ohne Probleme unter die Decke hängen. Für die nur 25 Crewmitglieder ist es eine nie enden wollende Strapaze, jeden einzelnen Gurt an tausenden Autos immer wieder zu prüfen. Vorne zwei, hinten zwei. Die Vibrationen im Schiff führen zu einer Dehnung der Spezialseile, sie müssen alle drei bis vier Tage neu gestrafft werden. Die Ladung darf kein Spiel bekommen. Würde sie verrutschen, könnte sie sich gegenseitig beschädigen. Schlimmstenfalls brächte marodierende Ladung das Schiff in Schlagseite.

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Ewiges Zurren
Bloß nicht verrutschen: Die Fahrzeuge werden mit vier pinkfarbenen Spezialseilen am Stahlboden des Car Carriers verzurrt. Jede einzelne der unscheinbaren Schnüre trägt eine Last von mindestens 600 Kilogramm und muss alle drei bis vier Tage nachgespannt werden. Das ist eine Herkulesaufgabe für die nur 25 Crewmitglieder, wenn das Schiff mit tausenden Fahrzeugen beladen ist.
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Zentimeterarbeit
Im Inneren wirkt ein Car Carrier wie ein riesiges Parkhaus – nur einparken würde so wohl kaum jemand. Nur wenige Zentimeter trennen die benachbarten Außenspiegel der fabrikneuen Forester oder Outback voneinander. Die Autos an Bord sind übrigens nicht abgesperrt: Einsteigen könnte hier sowieso niemand!
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Logistikmeister für Subaru
Subaru Deutschland nutzt den Hafen als Umschlagplatz – aber auch als Abruflager. Jörg Kracke, Leiter Aftersales Subaru Deutschland, erklärt: „Im Hafen bleiben die Fahrzeuge meist nicht länger als drei Monate, aufgrund der hohen Nachfrage. Früher waren es bis zu 1.500 Fahrzeuge in unserem Abruflager, heute sind es kaum 400.“
Statthalter in Europa
Masashi Tajiri, General Manager bei der Subaru Vehicles Distribution B.V., ist der Statthalter der Marke in Europa: Er hilft mit, den Transport der Fahrzeuge aus Japan nach Europa zu organisieren. Er ist der „Mann für alle Fälle“ im Hafen und sozusagen der Botschafter von Subaru in Rotterdam.
Herr über das Chaos
Hans Vosselman ist Manager Customer Relations bei C.RO, dem Betreiber des Autoterminals im Hafen von Rotterdam. Der Niederländer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen – und das ist angesichts der Dimensionen auch nötig. Er und seine 120 Kollegen bewegen etwa 250.000 Fahrzeuge – pro Jahr!

Penible Sauberkeit

Und dann noch: penible Sauberkeit! Es mag verwundern, aber Autotransporter wie die Euphony Ace gehören zu den saubersten Transportschiffen überhaupt. Da kein Container die wertvolle Fracht schützt, muss das Schiff selbst permanent geputzt werden. Man fühlt sich wie in der makellosen Fabrikhalle eines Automobilwerks. Auch die Overalls der Crew müssen stets blitzblank sein, so soll ein versehentliches Verschmieren von Lack vermieden werden. Wer Ringe oder eine Uhr trägt, streift Handschuhe über, wenn er sich dem Laderaum nähert. Knöpfe oder Reißverschlüsse an den Overalls der Schiffscrew sind verboten. Und: Was auch immer passiert – niemals darf irgendjemand vom Schiff die Ladung ohne Anlass berühren.

Hornissen
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Wir nennen die Fahrer scherzhaft »Hornissen«, weil das Summen der Reifen über die gelochten und geriffelten Metallrampen im Schiff ein ohrenbetäubendes Dröhnen verursacht.

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16 Fahrer, 4 Stunden, 500 Pkw

Das Hantieren mit der Ladung übernimmt ein anderes Team. Es stammt vom Hafen, in diesem Fall von Rotterdam, und es steht mächtig unter Zeitdruck. Wir nennen die Fahrer scherzhaft „Hornissen“, weil das Summen der Reifen über die gelochten und geriffelten Metallrampen im Schiff ein ohrenbetäubendes Dröhnen verursacht. Das Konzert ergänzt eine leistungsstarke Lüftungsanlage, die die Luft im gesamten Kahn einmal pro Stunde austauscht. Je zwei Crews mit acht Fahrern werden mit umgebauten, speziell flachen Shuttles in die niedrigen Etagen des Schiffsbauchs chauffiert. Dort steigt jeder in ein von Kollegen schon bereitgestelltes Fahrzeug und fährt es dann durch das Schiff. Immer abwärts, über nicht enden wollende Rampen, durch enge Kurven und schließlich auf den Parkplatz des Autoterminals von Rotterdam. Klack-klack. Klack-klack. Ein sorgsam choreografiertes Autoballett. 500 Fahrzeuge schaffen die beiden Crews in rund vier Stunden.

Mega-Hafen Rotterdam

Bis zu 450.000 Fahrzeuge können im größten Tiefwasserhafen Europas jedes Jahr umgeschlagen werden. Im gesamten Hafen arbeiten 175.000 Menschen auf einer Fläche von mehr als 100 Quadratkilometern. Rotterdam ist für die Märkte in Deutschland, Polen, Tschechien, Ungarn, der Schweiz, Frankreich und Benelux für Subaru ein sogenannter „Single Port of Entry“. Alle Fahrzeuge der Marke, die für diese Länder bestimmt sind, rollen über Rotterdam zum ersten Mal auf europäischen Boden. Südliche Länder werden direkt angefahren. Von Griechenland aus gehen die Fahrzeuge beispielsweise nach Russland. Spanien oder Italien werden über die Häfen in Livorno oder Barcelona versorgt. Es hängt immer von der Menge der zu entladenden Fahrzeuge ab, ob ein Hafen angefahren wird oder nicht. Bei kleineren Stückzahlen (unter 150 Fahrzeugen) wird der nächste Hafen angesteuert. Die Fahrzeuge werden dann über kleinere Zubringerschiffe wieder zurückverteilt. Der Grund sind Hafengebühren von runden 15.000 bis 20.000 Euro pro Entladevorgang.

Masashi Tajiri, General Manager bei der Subaru Vehicles Distribution B.V., spielt das Ein-Mann-Empfangskomitee für jeden Subaru. Er ist so etwas wie der Generalkonsul der Marke in Europa, er kümmert sich um die „Einbürgerung“ der Fahrzeuge. Subaru hat 2001 die Transportlogistik von Japan nach Europa wieder selbst in die Hand genommen. „Unser Anspruch ist es, den Kunden das Fahrzeug beim Händler in der gleichen Qualität zu übergeben, wie es in Japan vom Band gerollt ist“, sagt Tajiri. Er vermittelt zwischen Hersteller, Reederei und dem Betreiber des Autoterminals.

zehn Kilometer auf dem Tacho

Bis er beim Händler ankommt, stehen auf der Tacho-Uhr jedes neuen Subaru zehn selbst gefahrene Kilometer. Diese kurze Strecke muss ein Fahrzeug bei seiner Weltreise von der Produktionsstätte bis zum Bestimmungsland bereits auf eigenen Reifen zurücklegen. Die erste Reise eines Subaru benötigt rund sieben Wochen. Vier Wochen lang ist das Schiff aus dem japanischen Yokohama bis nach Rotterdam unterwegs, drei Wochen dauert die Reise von der Rampe des Schiffs zum Hof des Händlers. In dieser Zeit wurden alle Fahrzeuge auf Schäden untersucht, gewaschen, von Schutzfolien befreit sowie mit Bedienungsanleitungen, Warndreiecken, Schutzwesten und Verbandskästen bestückt.

Subaru auf Weltreise

Wenn die fabrikneuen Subaru Modelle über die Rampe des Transportschiffs „Euphony Ace“ in den Hafen von Rotterdam rollen haben sie zwar erst 10 Kilometer auf dem Tacho, aber trotzdem schon eine ganze Weltreise auf dem Weg zum neuen Besitzer hinter sich.

Langsam wird es nun Zeit für den Abschied. Wohin ihn seine Reise genau führt, weiß Kapitän Dey nur für die nächsten Stationen: Newcastle, Amsterdam, Zeebrügge. Dann über den Atlantik mit Südamerika als erster Station. Vielleicht bekommen wir von unserem dritten Offizier bald wieder digitale Post, vielleicht durften er und seine Kollegen kurz an Land, um ein Erinnerungsfoto zu machen, so wie damals in Pisa, vor dem schiefen Turm. Oder vor vielen anderen Wahrzeichen auf der ganzen Welt. Stolz werden Smartphone-Fotos präsentiert. „Wir würden verrückt werden, wenn wir nicht ab und zu Land unter die Füße bekämen“, sagt Kapitän Dey und rollt eine große Seekarte auf den Tisch. Es ist Zeit. Die Euphony Ace muss weiter. Ende des Artikels

Kapitän schaut mit einem Fernglas aus dem Fenster
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Wir würden sonst verrückt werden, wenn wir nicht ab und zu Land unter die Füße bekommen.

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