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Sternenfahrt

Orion jagt die Sieben Schwestern

Text: Manuel Eder
FOTOs: Jörg Schwieder
Ecke
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ca. 8 Minuten

Seit Jahrtausenden richten die Menschen ihren Blick zum nächtlichen Firmament, um dort antike Mythen zu lesen, zu navigieren oder die Jahreszeiten abzulesen. Die Plejaden zählen zu den wichtigsten Himmelsbotschaftern und sind als silberne Sterne auf blauem Grund auch im Logo von Subaru zu sehen.

Da vorne an der Ecke geht es die Treppe hoch“, meint Dr. Eike Guenther. An diesem Ort lassen sich zwar vielleicht die Grenzen der Physik erforschen – aber Ecken haben diese runden Korridore definitiv nicht. Wie in einem Schneckenhaus schlängelt sich unser Weg durch geschwungene Treppenhäuser, bis wir unter der Kuppel mit 20 Metern Durchmesser stehen. Wer nun unwillkürlich an das kreisrunde Stonehenge denkt oder die vielen uralten Kultstätten, an denen der Lauf der Gestirne gelesen wurde, liegt gar nicht so falsch. In diesem modernen Tempel der Sterne hier an der Landessternwarte Thüringen ist man wie vor tausenden Jahren auf der Suche nach Antworten. 65 Tonnen wiegt allein das Teleskop, das auf einem eigenen Fundament direkt auf dem Fels des Berges steht. Das ist nötig, damit die auf Eisenbahnrädern gelagerte Kuppel mit ihren 180 Tonnen keine Vibrationen auslöst, wenn sie sich in Bewegung setzt. Und doch ließe sich diese riesige Himmelsmaschine mit nur einem Finger bewegen: „Eines der beiden Lager ist ein Ölfilm, auf dem das Teleskop schwimmt“, erklärt Dr. Guenther von der Universität Jena nicht ohne Stolz. Kaum vorstellbar ist die Präzision dieses astronomischen Schwergewichts: An der Spitze des Teleskoprohres beträgt die Einstellgenauigkeit weniger als die Breite eines menschlichen Haares.

Das Observatorium in Zahlen



In unserer Galaxie leuchten geschätzt etwa

Milliarden Sterne
Das Teleskop in der Landessternwarte Thüringen wiegt etwa

Tonnen
Mit dem 2-Meter-Teleskop wurden etwa

Kleinplaneten vermessen, mehr als 500 gelten als Tautenburger Entdeckungen.

Sechs Sterne sind im Logo von Subaru zu sehen. Mit einem Subaru Forester sind wir zwar nur in den Tautenburger Forst gereist, aber zurückgelegt haben wir rund 450 Lichtjahre zu den Plejaden. Auf diese Reise mitgenommen hat uns Dr. Eike Guenther: ein Besuch in der Thüringer Landessternwarte Tautenburg.

Teleskop
Anführungszeichen

Der Spiegel im Inneren des Teleskops misst 2 Meter im Durchmesser. Bei der Herstellung wurde er auf 0,00003 Millimeter genau geschliffen und poliert.

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Deutsch-Deutsches Zeitzeugnis

Der Blick nach oben mag zeitlos sein, doch hier unten ist dieses Observatorium selbst Zeuge der Geschichte geworden. Schon 1947 gab der Direktor des Astrophysikalischen Observatoriums Potsdam den Denkanstoß zum Bau eines neuen Teleskops für ganz Deutschland. Doch es sollte noch zehn Jahre dauern, bis in der beschaulichen Sommerfrische der Spatenstich erfolgte. Zwischenzeitlich hatte sich der Kalte Krieg warmgelaufen, die Russen schossen einen Satelliten in den Weltraum, und der Wettlauf zum Mond begann. Etwas von dieser Begeisterung der 60er-Jahre für das All war auch in Thüringen zu erleben. Zur Einweihung 1960 galt das 2-Meter-Universal-Spiegelteleskop als fünftgrößtes Teleskop der Welt. Das Karl-Schwarzschild-Observatorium sollte Wissenschaftler aus aller Welt verbinden. Doch dann verstellte die Mauer nicht nur den irdischen Blick auf die Landsleute, sondern auch den ins All. Angesichts der Äonen in der Astronomie dauerte die Teilung Deutschlands aber nur einen Wimpernschlag. 1992 wurde die Anlage zum Schmuckstück der Thüringer Landessternwarte Tautenburg (TLS).

Subaru Forester
Schild Observatorium
Interaktives Bild
Hightech aus den 60er-Jahren: Das Tautenburger Observatorium ist ein bemerkenswertes Zeitzeugnis der Ingenieurskunst.

Schalter
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Das Beobachtungsgerät, das seit 1992 den Namen seines Chefkonstrukteurs Alfred Jensch trägt, lässt sich als Universalteleskop für unterschiedliche Beobachtungstypen umrüsten.

Die Plejaden sind vergriffen

Von 1960 bis 1995 wurden hier etwa 10.000 Fotoplatten ausbelichtet, die mit Hilfe einer Hebebühne direkt im Teleskop gewechselt wurden. Die Aufnahmen des Himmelszelts berühren in ihrer Schönheit auch noch Jahrzehnte später. „Die Plejaden sind aber leider wieder mal vergriffen“, entschuldigt sich Dr. Guenther beim Blick auf den Postkartenständer. Beim letzten Tag der offenen Tür war das Foto des „Siebengestirns“, das hier am TLS entstanden ist, wieder mal der Renner. Als riesiger Abzug hängt die berühmte Sternenformation auch an der Wand über den Arbeitsplätzen der Forscher ein Stockwerk unter der Kuppel. Heute sitzen die Wissenschaftler am Computer und steuern das Teleskop mit einem Mausklick – egal ob es sich im Tautenburger Forst oder in der Atacama-Wüste befindet. Die Porträts der Sterne werden heutzutage mit einer Digitalkamera der Superlative geschossen: Der Sensor ist hundertfach lichtempfindlicher als Fotoplatten und wird auf minus 100 Grad Celsius gekühlt, um die langen Belichtungszeiten in der Astronomie zu ermöglichen.

Dr. Eike Guenther
Himmelsforscher

Dr. Eike Guenther ist froh drüber, dass er und seine Kollegen an der Thüringer Landessternwarte auch an einem eigenen Teleskop arbeiten können. Dieses Privileg haben nicht alle Forscher. Der Blick in den Nachthimmel ist Beruf, aber auch Passion für ihn. Gleich nach unserem Besuch will er die klare Sommernacht nutzen: Vielleicht hat er ja heute Glück und findet die zweite Erde.






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Der Spiegel im Inneren des Teleskops misst zwei Meter im Durchmesser. Bei der Herstellung wurde er auf 0,00003 Millimeter genau geschliffen und poliert.
Sternwarte
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Geheimnisvolles Glühen
Der Sternhaufen der Plejaden fasziniert die Menschen seit dem Altertum. Die Landessternwarte Thüringen hat dieses Foto des Siebengestirns gemacht, das die „Sieben Schwestern“ von ihrer Schokoladenseite zeigt: Die Gas-Staub-Wolken glühen geheimnisvoll als Reflexionsnebel im Licht rund um die hellsten Sterne.

Thüringen ist das Tor zum All

Seit 20 Jahren arbeitet Dr. Guenther schon an der Thüringer Landessternwarte Tautenburg. Direktor des Instituts ist Dr. Artie Hatzes, der auch Professor für Astrophysik an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ist. Nach Stationen in Freiburg, Heidelberg und London ist für Dr. Guenther nun Thüringen das Tor zum All. „Wir haben hier in der Provinz viel von dem, was den internationalen Teleskopen mit eng getaktetem Belegungsplan oft fehlt: Beobachtungszeit“, sagt der Astronom. Vor allem für eines seiner Forschungsfelder ist das von Vorteil: die Suche nach Exoplaneten. „Ein Exoplanet ist ein Himmelskörper, der einen Stern umkreist, ähnlich wie die Erde die Sonne“, erklärt er. Weil diese Konstellation eine der Grundvoraussetzungen für lebensfreundliche Bedingungen wäre, halten die Forscher hier Ausschau nach der zweiten Erde.

4.250.000.000.000.000 km

Das Licht der Plejaden ist uralt

Im Vergleich zu unserer Galaxie mit einem Durchmesser von etwa 100.000 Lichtjahren liegt das „Siebengestirn“ praktisch in der Nachbarschaft. Zur Erinnerung: Ein Lichtjahr sind etwa 9,5 Billionen Kilometer. Als das Licht der Plejaden, das wir heute sehen, seine Reise antrat, schlug Spanien die Türken in der Seeschlacht von Lepanto (1571), und die neumodische Theorie von Nikolaus Kopernikus, dass sich die Erde um die Sonne dreht, wurde vom Klerus als albernes Hirngespinst abgetan. Es dauert etwa 440 bis 450 Jahre, bis das Licht die Entfernung von rund 4.250.000.000.000.000 Kilometer – plus/minus ein paar Millionen Kilometer – aus dem Sternbild Stier zurückgelegt hat.

Kinderstube für Sterne

Sternhaufen sind besonders interessant für die Astronomie. Hier verdichtet sich Staub über Jahrmillionen zu neuen Himmelskörpern. „Die Plejaden sind mit ihren geschätzten 60 bis 100 Millionen Jahren sozusagen gerade im Teenager-Alter“, erklärt Dr. Guenther. Er muss schmunzeln beim Spitznamen „Siebengestirn“ – denn eigentlich sind entweder sechs oder bei gutem Wetter acht der hellsten Himmelskörper in diesem Sternhaufen zu erkennen.

Alte Zeichnung
Die Plejaden sind Boten des Frühlings

Die Geschichte der „Sieben Schwestern“ aus der griechischen Mythologie prägt ihren Spitznamen bis heute. Demnach stehen die hellsten Sterne für die schönen Töchter Alkione, Asterope, Celaeno, Elektra, Maia, Merope und Taygeta des Titanen Atlas und seiner Frau Pleione. Der Mythologie nach wurden sie von Orion verfolgt. Zeus versetzte sie dann als Sternbild an den Himmel – doch auch dort ist Orion nicht fern. Er bleibt den sieben Nymphen in Form seines eigenen Sternbilds für immer und ewig auf den Fersen. „Solche Volksweisheiten haben es über Jahrtausende einfach gemacht, Sterne zu identifizieren“, erklärt Dr. Guenther. Für die Navigation, aber auch die Zeitmessung war die Kenntnis des Sternenhimmels entscheidend. Wenn die Sichtbarkeit der Plejaden im Frühjahr endet, galt dies den Bauern als wichtiges Signal für das Ende des Winters und den Beginn der Aussaat. Das machte die Plejaden schon bei den Römern zu einem der wichtigsten Himmelsbotschafter überhaupt.

Himmlischer Heuhaufen

Aber wie findet man eigentlich im ewigen Dunkel des Alls einen Himmelskörper, der selbst nicht leuchtet und dessen schwacher Widerschein von den geschätzten 100 Milliarden Sternen unserer Galaxie überstrahlt wird? Dr. Guenther erklärt eine Methode: „Wenn der Planet zum Beispiel an seiner Sonne vorbeifliegt, können wir diesen sogenannten Transit messen.“ Doch immer müssen die Forscher darauf warten, dass das Objekt einen oder mehrere Umläufe um seinen Mutterstern absolviert hat. „Wenn wir die ersten Hinweise entdecken, weiß niemand, wie lange das dauern kann. Das können zwölf Monate sein, aber auch mehr als zehn Jahre“, erklärt Dr. Guenther. Und ergänzt: „Die Entdeckung kann Jahre dauern, wenn die Umlaufperiode lang ist. Wenn sie aber kurz ist, dann geht die Entdeckung schneller. Bei einem vor wenigen Jahren entdeckten Exoplaneten hatten die Tautenburger daher auch Glück mit einem solchen zügigen Kandidaten: Nach „nur“ sieben Jahren gelang der Nachweis.

Gleich nach dem Besuch der DRIVE in dieser Sommernacht will der Forscher wieder auf die Suche nach der Stecknadel im himmlischen Heuhaufen gehen. Die „zweite Erde“ könnte ja da draußen durch das All rasen und darauf warten, entdeckt zu werden – vielleicht gerade heute, von den Sternenguckern im Tautenburger Forst.Ende des Artikels

Himmlische Schönheit
Subaru Alcyone
Subaru Alcyone

Dieser Sportwagen von Subaru war in Deutschland fast so selten zu sehen wie ein Komet. Nur 1.056 Exemplare wurden zwischen 1984 und 1990 verkauft. Dabei war er dank keilförmiger Karosserie und Klappscheinwerfern ein echter Hingucker. Während er sich hierzulande mit dem Namen „Subaru XT“ begnügen musste, durfte sich das Sportcoupé anderswo ganz poetisch „Alcyone“ nennen.

In der antiken Überlieferung war Alkione eine der sieben Nymphen, die den Plejaden den Spitznamen „Sieben Schwestern“ eintrugen.

Sechs Sterne am Firmament
Subaru Logos im Überblick

In Japan ist der Name „Subaru“ für die sechs sichtbaren Sterne der Plejaden geläufig, was übersetzt so viel wie „vereinen“ bedeutet. Daher standen die sechs Sterne im Logo als Symbol für den Neuanfang nach dem Krieg. 1953 schlossen sich fünf Firmen zum neuen großen Subaru Mutterkonzern Fuji Heavy Industries (FHI) zusammen. Vier Jahre später erschien dann mit dem 360 das erste Fahrzeug, das stolz den Namen Subaru tragen durfte. Zum 100-jährigen Jubiläum wird mit der Umbenennung des Konzerns die Automarke zum Namen des Unternehmens: Seit 1. April 2017 firmiert der Konzern als „Subaru Corporation“. Auch wenn sich das Logo über die Jahrzehnte mit Sternen in Silber oder Gold auf rotem, schwarzem oder blauem Grund verändert hat – das runde Firmament mit seinen strahlenden sechs Sternen bleibt vertraut.

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