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Reportage

Kurvenkunst am Bilster Berg

Text und Fotos:
Jörg Schwieder
Ecke
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ca. 11 Minuten

Der Bilster Berg. Kraftvoller Antritt auf der Hinterhand oder Pferdestärken satt auf beiden Achsen? Zum Abschied der Allrad-Ikone von Subaru hatten Fans die Qual der Wahl: zwischen dem Rallye-Athleten und dem ultraleichten Sportcoupé.

Es gibt so viel zu erzählen – bei lässigem Tempo 180. Vom letzten Rennen. Gedanken über Allrad und Heckantrieb, Ölkreisläufe von Rennmotoren. Die Freude, einen Racing-BRZ (Informationen zu Verbrauch & Effizienz) ganz nach eigenen Ideen zu verwirklichen. Und dann der Aufreger: Wehe einer wagt es, einen der letzten Subaru WRX STI (Informationen zu Verbrauch & Effizienz) zu kaufen, nur um ihn dann als Sammlerstück in eine Garage zu stellen! Der könne mindestens mit einer Zeitstrafe rechnen, verhängt von Tempo-Profi Tim Schrick persönlich. Kurz gesagt: Ein WRX STI will doch in Freiheit! Fahren! Dafür wurde er gemacht. Punkt. Mit einem Tritt aufs Gaspedal unterstreicht Schrick seine Ansage mit ordentlich Boxer-Drehmoment.

Im Taxi durch die Mausefalle

Wir passieren zum Glück gerade den „Sauwechsel“ und die Laune meines Rennfahrers am Lenkrad wechselt schlagartig. Die Sache mit dem Abschied vom WRX STI klären wir später. Wir sind unterwegs in einem halbwegs zivilen Subaru BRZ. Es ist eine sogenannte Renntaxifahrt über den „Bilster Berg“. Taxi auf der Rennstrecke geht so: Der Profi dreht eine Runde und der Beifahrer versucht, nicht die Fassung zu verlieren. Diese 4,2 Kilometer lange Strecke fährt niemand schnell, der nicht sehr genau weiß, was er tut.

Das ist Nichts für Amateure

Die wenigsten Kurvenscheitel dieses Rundkurses sind direkt einsehbar. Die berühmteste aller Kehren trägt den Namen „Mausefalle“, sie ist der Mittelpunkt der Westschleife. Direkt danach geht es mit 21 Prozent Steigung wieder bergauf. Tim fährt sehr schnell, aber längst nicht am Limit, wie er sich gerade selbst kommentiert. Sonst würde wohl sogar er nebenbei nicht mehr ganz so locker plaudern. „Für diese Strecke benötigen Fahrer ein gutes fotografisches Gedächtnis“, doziert er und erteilt unserem BRZ per Lenkruck und Gasbefehl das entscheidende Kommando. „Und dann kann man zum Beispiel so was hier probieren“, sagt er. Und lacht. Und lacht. Und hört gar nicht mehr auf zu lachen. Unser ultratief kauernder Hecktriebler verliert dank deaktiviertem ESP kontrolliert einen Teil seiner Haftung an der Hinterachse, ein lang gezogenes, hitziges Zwiegespräch zwischen Gummipneus und Asphalt entspinnt sich. Ich bemerke genau in diesem Moment, dass so ein BRZ keine Haltegriffe besitzt, und spreize stattdessen die Knie rechts und links unter die Konsole. Wir radieren rutschend, rauchend und (zumindest auf der Fahrerseite) lachend ins Tal. Der BRZ tuschiert dabei leicht den rechten Randstreifen und eine fulminante Staubwolke krönt das Können des Piloten. Eine steile Linkskurve plus abgrundartige 26 Prozent Gefälle, mehr ist diese ominöse Mausefalle eigentlich gar nicht. Aber hier treffen Phänomene wie Beschleunigung, Gravitation, ein Hauch von Schwerelosigkeit und Fliehkraft sowie jede Menge Speed in einer so außergewöhnlichen Konstellation aufeinander, dass der ungeübte Magen des Beifahrers sich spontan anfängt zu wundern.

Eine Ikone geht in den Ruhestand

Der Anlass, zu dem Subaru Deutschland im Mai Kunden und Fans an die Rennstrecke in Ostwestfalen-Lippe geladen hatte, war ein freudiger – und ein wehmütiger zugleich. Die schlechte Nachricht vorweg: Der WRX STI geht nach zwanzigjähriger Erfolgsgeschichte in den Ruhestand. Die gute Nachricht: Es gibt zum Abschied eine spektakuläre „Final Edition“, die auf wenige Exemplare limitiert ist – und schon beim Verkaufsstart so gut wie vergriffen war. (Mit Glück könnte das eine oder andere Modell beim Händler noch zu haben sein.) Die zweite gute Nachricht: Der Subaru BRZ ist eine ausgewiesene Spaßmaschine und erfüllt mit dem Modelljahr 2019 die Abgasnorm Euro 6d-TEMP. Für Tim Schrick verbindet der ultraleichte BRZ das Beste aus zwei Welten: den Heckantrieb eines Sportwagens und den niedrigen Schwerpunkt des hinter der Vorderachse platzierten Boxerantriebs. Auch die Boxerkurbelwelle ist rund 40 Prozent leichter als die eines Reihenvierzylinders. „Das führt zu einer ausgezeichneten Gewichtsverteilung“, sagt Schrick. Gerade bei schnellen Kurvenwechseln sei das vorteilhaft und bringe selbst den rund 100 PS stärkeren WRX STI in Verlegenheit: „Der WRX STI hat einen breiteren Grenzbereich, eine überlegene Traktion, der BRZ ist eher das Filetmesser für die Kurven.“

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Der WRX hat einen breiteren Grenzbereich, eine überlegene Traktion, der BRZ ist eher das Filetmesser für die Kurven.

AnführungszeichenTim Schrick, Rennfahrer

Was kommt nach dem WRX STI?

„Aber beides ist sehr reizvoll und beides macht auch enorm Spaß hier auf der Strecke“, so die Einschätzung des Rennprofis. Dennoch die bange Frage an Jörg Kracke, Technik-Chef bei Subaru Deutschland und seit Jahrzehnten Kenner der Marke: War es das mit der großen Rallyesporttradition von Subaru? Was planen die Rennsportfreaks der hauseigenen Tuning-Schmiede STI? Kracke ist sicher: „Die Signale aus Japan deuten darauf hin, dass unser Hersteller die Kompetenz im Motorsport nicht aufgeben wird. Ich bin fest überzeugt: Wir machen jetzt eine Pause, sortieren uns neu und dann kommen wir zurück. Man kann ja auch mit anderen Antriebsarten sportliche Erfolge erzielen und mit Allradantrieb kombinieren.“

Renn-Know-How für die Straße

Christian Amenda, Geschäftsführer von Subaru Deutschland, betonte im Experten-Talk die strategische Bedeutung von STI für die Modellfamilie: „Die Erfahrung und das Know-how von STI haben dafür gesorgt, dass Subaru im Motorsport Erfolge einfahren konnte. Diese Expertise kommt aber nicht nur dem WRX STI zugute, sondern auch den Serienfahrzeugen der anderen Baureihen. Von diesem Wissen werden wir noch lange profitieren.“ Amenda weiß, wovon er spricht. Sein aktuelles Dienstfahrzeug? Natürlich der Subaru WRX STI!Ende des Artikels

Die Edelfans

„Mit Subaru bin ich groß geworden“, sagt Stefan Buddenbrock (links) und legt die Hand auf den blitzenden Lack seines WRX STI. Wenn jemand so etwas behaupten darf, dann ist es der Vorsitzende des „Subaru Drivers Club“ (www.subaru-drivers-club.de). Er ist mit seiner Freundin Nadine Britz eigens an den Bilster Berg gekommen. Seine Clubmitglieder und er haben ein inniges Verhältnis zur Marke, aber besonders zur Legende WRX STI. Vielleicht liegt es ja daran, dass dieses Auto so ist wie sie selbst: ein wenig exotisch. „In Deutschland mag man Autos aus Bayern oder Schwaben, Subaru-Fans müssen schon aus einem anderen Holz geschnitzt sein“, sinniert er. Bei seinem eigenen Subaru WRX STI-Modell dürfte jedoch alle Welt eher neidisch auf ihn blicken: Sonderserie des WRX STI 22B von 1998 anlässlich der drei Weltmeistertitel von Colin McRae, in Kleinstserie von nur 400 Exemplaren handgefertigt in der Manufaktur der Subaru-eigenen Rennsportabteilung STI, Rechtslenker. Heute dürfte es höchstens noch 250 Stück davon geben, schätzt er. Und: Die Fahrzeuge wurden nur in Japan verkauft. Bis auf dieses Exemplar, das Buddenbrock direkt nach Deutschland geholt hat. Der Wert? Einfach unbezahlbar!

Der Tempo-Profi

Tim Schrick liebt den Subaru BRZ. Seine Fans verfolgen seine Ergebnisse in der „VLN Langstreckenmeisterschaft Nürburgring“ mit seinem selbst umgebauten Roots Racing BRZ zum Beispiel via YouTube. Der Racing BRZ bekam eine Sicherheitszelle verpasst, das Fahrwerk wurde modifiziert, ein üppiger Heckflügel montiert, vorne bekam er einen Splitter nach SP3-Reglement.

Schon der Serien-BRZ beeindruckt Schrick: „Der BRZ ist ein Sportcoupé mit einem bemerkenswerten Gewichtsvorteil gegenüber allen anderen Fahrzeugen in dieser Klasse. Er hat zum Beispiel Dünnglasscheiben in Front und Heck, Dünnblech überall. Wenn man sich das Auto genauer anschaut, sieht man, wie viel Entwicklungsarbeit reingesteckt wurde. Er ist 150 bis 170 kg leichter als ein vergleichbares Auto in dieser Klasse.“

Der Aufpasser in der Mutkurve

Näher dran am Rennzirkus als David Ludwig ist am Bilster Berg keiner. Als „Sportwart der Streckensicherung“ wacht er mit acht Kollegen darüber, dass in der Mausefalle, am Munitionsfeld oder in der Mutkurve alles mit rechten Dingen zugeht. Wir treffen ihn in der Kurve Nr. 19, der „Oeynhausen Kehre“. Direkt vor uns brettern die WRX STI und Subaru BRZ vorbei. Es riecht nach Gummi und heißen Motoren – und auch während unseres Gesprächs haben die Flitzer Vorfahrt: Erstens, weil David Ludwig aufmerksam die Strecke beobachtet – und Zweitens, weil man während einer Vorbeifahrt sowieso kein Wort versteht. „Wenn die Renn-Profis dem Subaru WRX STI richtig Stoff geben, ist das schön anzuschauen“, kommentiert Ludwig. Er muss es wissen, schließlich steht er das ganze Jahr an „seiner“ Rennstrecke und hat schon so ziemlich alles gesehen, was schnell ist und Spaß macht. „Wenn später im Dämmerlicht die Bremsscheiben glühen, ist das schon etwas Besonderes“, schwärmt Ludwig. Neben dem Funk in die Leitzentrale sind seine Signalfahnen sein wichtigstes Arbeitsmittel. Mit diesen ist nicht zu scherzen: Um für unser Foto den grünen Stoff fachmännisch aus dem Handgelenk zu schwenken, holt er sich doch lieber erst das Okay. Die weiße Fahne für „langsames Fahrzeug“ wird er jedoch heute am Subaru-Renntag wohl eher nicht benötigen.

Die Rennstrecke Bilster Berg befindet sich auf dem Gelände eines ehemaligen Munitionsdepots der NATO-Rheinarmee aus den 70er-Jahren. Nach rund zehnjähriger Planung und mithilfe der international tätigen Rennstreckenplaner Hermann Tilke und Fahrerlegende Walter Röhrl eröffnete die Rennstrecke 2013. Insgesamt geht es über 44 Wannen und Kuppen über jeweils 102 Höhenmeter hinauf und hinunter.

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